(Artikel
erschienen in der deutschen
Zeitschrift ''Pflegemagazin'', Dezember 2004)
Szenen
aus einem Klinikaufenthalt von
Karin Linsi
«Tasten auf dünnem Eis», so fasst die
Autorin ihre Erfahrungen zusammen, die sie als Patientin gesammelt hat.
Hinführung 1998 verbrachte ich als
Patientin drei Monate in einer psychosomatischen Klinik in der Schweiz.
Eine Weile nach meinem Austritt begann ich meine Erfahrungen in Form
eines autobiografischen Romans niederzuschreiben. Das Buch
mit dem Titel «Tasten auf dünnem Eis» sollte nicht den Zweck einer
Selbsttherapie erfüllen. Deshalb habe ich die Form des Romans statt
eines Erfahrungsberichts sowie die dritte Person gewählt, eine Frau
namens Mara ist die Hauptfigur. Mara war für mich während
des Schreibens eine andere Person, eine, die ich von außen betrachten
konnte, die aber dennoch aus meinen Gefühls- und Erfahrungselementen
besteht. So konnte ich besser von mir selbst abrücken und Distanz zur
Romanfigur schaffen.
Der
erste Tag
Mara stellt ihren
leer gegessenen Teller auf den Geschirrberg in der Abwaschküche und
eilt am Salon vorbei in ihr Zimmer. Als ob ihr ein Verfolger auf den
Fersen wäre, drückt sie die Tür hinter sich zu, und sofort rinnen
Tränen über ihre Wangen. Sie setzt sich
auf die durchgelegene Matratze und weint eine Weile still vor sich hin.
Nachdem sie sich etwas beruhigt hat,
fragt sie sich, was für ein Mensch dieses Zimmer vor ihr bewohnt haben
mag. Sie beginnt den Raum abzusuchen, als könnte sie irgendwelche
Spuren entdecken. Es riecht nach frischer Bettwäsche und Möbelpolitur.
Ein schlichter Holzschrank steht in der Ecke, an der längeren Wand ein
schmaler Schreibtisch, gegenüber das Bett. Die wenigen Möbelstücke
füllen das Zimmer beinahe aus, lassen zwischen Bett und Schreibtisch
nur einen engen Durchgang. Doch es ist ein Einzelzimmer, das ist die
Hauptsache. Gedankenverloren dreht Mara
den Radiowecker an. Als ein Klavierwerk von Mozart aus dem Lautsprecher
tönt, zuckt sie zusammen, schaltet wie elektrisiert die kristallklare
Musik wieder aus, jene Sonate, die sie einmal auf einem Wettbewerb
hätte spielen sollen, wenn sie ihrer Klavierlehrerin auf dem
Konservatorium diese Idee nicht vor lauter Lampenfieber ausgeredet
hätte. Sie fühlt sich plötzlich
unendlich müde. Wie gelähmt legt sie sich hin, schließt die Augen. Doch
die ganzen Eindrücke des Tages stürmen auf sie ein, die Gesichter all
der fremden Menschen starren sie an, nehmen ihr fast den Atem.
Unbehaglich denkt sie an das Gruppengespräch zurück und an alle
bevorstehenden. Wie unerbittlich die Betreuer nachhakten, keine vagen
Formulierungen akzeptierten! Und wie offen alle waren, als ob nichts zu
persönlich, zu unbedeutend wäre! Und Essgruppe – das klingt, als ob man
da den ganzen Tag nichts anderes tun würde als essen! – Zwölf Wochen
hier bleiben? Die anderen sitzen jetzt
vielleicht alle unten im Klinikcafé, im «Intermezzo», und haben es
schön zusammen … Wenn Lischka doch
jetzt hier nebenan läge, schnurrend, voller Liebe und
Liebebedürftigkeit! Am Morgen, als die
Katze zu ihr unter die Bettdecke gekrochen kam und sich an ihren Bauch
schmiegte, hat Mara ihr nochmals erklärt, sie müsse sich
voraussichtlich drei Monate lang vorwiegend von den Nachbarn versorgen
lassen … Ich kann hier jederzeit wieder
austreten, überlegt Mara plötzlich, mir geht’s sowieso zu gut für die
Klinik, jemand anderer von der Warteliste bräuchte meinen Platz sicher
dringender, ich hätte ebenso gut zu Hause bleiben und dort meine
Therapie weiterführen können …
Der
Grund des Aufenthaltes
Das erste Mal als Patientin in
eine Klinik einzutreten, mich also in die Obhut von Betreuern zu
begeben, war eine fremde Situation für mich, die ganz gemischte Gefühle
auslöste. Ich litt unter Magersucht und, wie noch heute mit 37 Jahren,
unter einer Angststörung und Depressionen. Ich war damals 31 Jahre alt,
fühlte mich von daher selbstständig, doch zugleich war mir bewusst,
Hilfe zu brauchen, um ein halbwegs befriedigendes, erfülltes Leben
führen zu können. Die Magersucht war der offizielle Grund für den
Klinikeintritt, doch mir persönlich lag mehr am Herzen, meine
langjährige Angst und meine Depressivität zu überwinden. Die Magersucht
wollte ich mir irgendwo bewahren ... Doch genau dort setzten
die Klinikfachleute den Schwerpunkt – was ich durchaus nachvollziehen
kann. Dort, in der Essensverweigerung, saß aber auch mein Wille – und
dieser Wille musste vom Betreuungsteam gebrochen werden. Was hätten die
Betreuungspersonen (im folgenden Buchausschnitt ist «Silvio» meine
persönliche Bezugsperson) auch anderes tun können?
Die
Gespräche
Silvio sieht von
seiner Schreibarbeit auf, als Mara punkt fünfzehn Uhr im Türrahmen des
Teamzimmers erscheint. Er zieht den rechten Mundwinkel hoch, schraubt
gemächlich die Verschlusskappe auf den Füllfederhalter und macht eine
einladende Geste zum Sofa in der Ecke. Mara
setzt sich neben ihn auf das breite nostalgische Möbel. Sie weicht
seinem Blick aus und betrachtet seine Designerschuhe mit den eckigen
Absätzen. Sind die handgenäht? Sind die bequem? Wie viel mögen die
gekostet haben? … Sie reißt sich von seinem Schuhwerk los und sagt:
«Ich weiß nicht, ob ich hier bleiben soll.» Silvio
lächelt, doch Mara weiß nicht, was das Lächeln bedeutet, und da er
nicht weiter reagiert, fährt sie fort: «Hier sind so viele Menschen.
Ich fühle mich all den Begegnungen irgendwie schutzlos ausgesetzt. Als
ob all die Eindrücke ungefiltert auf mich einprasseln würden. Und – ich
spüre so mächtigen Druck vom Team, mich euren Wünschen gemäß zu
verhalten. Ich habe fast keine Chance, meine Bedürfnisse
durchzusetzen.» Silvio zieht die
Augenbrauen hoch, sein Lächeln weicht einem genervten Zug um den Mund. «Mara,
du befindest dich hier in einer Klinik, und ich denke, ich darf in
Frage stellen, ob du deine Bedürfnisse überhaupt kennst! Wie hast du
gelebt, bevor du hierher gekommen bist? Hast du gewusst, was dir gut
tut?» Mara lässt sich an die
Rückenlehne fallen. Ja, ja, du hast ja Recht! Sie richtet sich wieder
auf. «Aber ich fühle mich trotzdem
bedrängt, gegen meinen Willen zu handeln. Ich bin zum Beispiel gern
allein. Ihr wollt mich aber zu gemeinsamen Aktivitäten zwingen. Und –
ja, ich habe auch Angst vor dieser Nähe. Ich habe Angst, mich selbst zu
verlieren und bei diesem dauernden Kontakt gar nicht zu mir
vorzudringen.» «Du weißt genau, dass du
dich bis zu deinem Klinikeintritt radikal zurückgezogen hast. Du
musstest ja noch deine letzten überlebenden Freundschaften beenden.
Sogar aus der Arbeitswelt hast du dich zurückgezogen. Jetzt üben
natürlich all die Menschen hier, die ebenfalls in einer schwierigen
Lebensphase stehen, massiven Einfluss auf dich aus, logisch. Aber du
hast draußen ja kaum jemanden. Das sollte dir Angst machen!» Silvio
sieht sie eindringlich an. «Du wirst
dich hier anderen Ängsten stellen müssen als der vor
Menschenansammlungen, geschlossenen Räumen, im Tunnel stecken
gebliebenen Zügen oder dem Zunehmen! Und anderen Fragen begegnen als
der, ob Weißkohl mehr Kohlehydrate enthält als Knollensellerie oder wie
viele Dörraprikosen fünfzig Gramm wiegen!» Mara
heftet ihren Blick auf die Dienstpläne des Betreuungsteams und die
vielen Notizzettel an der Wand. «Ich
weiß schon», murmelt sie. «Mara, es ist
wichtig für dich, hier zu lernen, dass du Unterstützung holen kannst.
Jederzeit. Nimm unsere Hilfsangebote an, dafür sind wir ja da – aber du
musst den ersten Schritt tun und auf uns zugehen. Versuch nicht immer,
alles mit dir selbst auszumachen!» «Mir
ist schon aufgefallen, dass die anderen euch öfter um Gespräche bitten
als ich. Aber ich denke manchmal, meine Probleme seien zu banal. Das
ist falsch, ich weiß schon», beeilt sich Mara anzufügen. Sie
zögert einen Moment, dann sagt sie: «Aber auch das Essen. Ich soll
Dinge essen, die gar nicht so gesund sind oder die ich nicht essen
will. Mit oder ohne Magersucht.» Silvio
grinst, als hätte er darauf gewartet, dass sie ihn von ihrem
natürlichen Verhältnis zum Essen überzeugen will. «Entschuldige,
Mara, ich muss dir absprechen, über eine gesunde Selbsteinschätzung zu
verfügen, speziell, was das Essen betrifft. Du selbst hast das Wort
rigide gebraucht, als du von deinem Essverhalten geredet hast. Und
nochmals, was Beziehungen betrifft: Aus deinem fatalen Rückzug kannst
du bloß mit Kontaktversuchen wieder herauskommen. Ich erteile dir jetzt
gleich eine weitere Aufgabe: Du verabredest dich in der kommenden Woche
mindestens dreimal mit anderen Patientinnen! Geht in der Stadt bummeln,
stöbert durch die Läden und redet über Kleider, Mode, was weiß ich,
über Banales eben! Das ist spontanes Leben, und darin sollst du dich
bewegen lernen. Statt nur in der Theorie oder in philosophischen
Sphären! – Gut, dann will ich mir jetzt dein Essprotokoll ansehen. Hast
du’s regelmäßig geführt?» «Bestimmt.» Mara
greift nach dem Ringbuch, das neben ihr auf dem Boden liegt, reicht es
Silvio und behält wachsam sein Gesicht im Auge. «Hattest
du eigentlich schon immer eine so winzige Schrift? Aber alles sauber
dargestellt, muss ich sagen.» Silvio
schüttelt den Kopf. «Was mir inhaltlich
nicht passt, ist das fehlende Frühstück. Wir haben doch vereinbart,
dass du keine Mahlzeiten auslässt. Wenn ich deine Notizen lese, sehe
ich auch, dass du öfter einen Salatteller bestellst statt das
vegetarische Gericht. Außerdem hast du versprochen, dich wenigstens ab
und zu zum Dessertessen durchzuringen! Mara, falls du nicht mitspielst,
gibt es Tellerservice statt Selbstbedienung, denk dran!» «Ich
kann versuchen, am Morgen etwas Obst –» «Obst!
Was ist denn Obst? Das kannst du meinetwegen als Zwischenmahlzeit
essen. Ich möchte, dass du richtig frühstückst, Brot, Müesli, was weiß
ich, eben wie alle anderen! So wie ich es mitbekommen habe, holst du
meist im Salon nur dein Medikament und eine Tasse Kaffee und
verschwindest damit in deinem Zimmer.» Mara
spürt, dass Widerstand sinnlos ist, beteuert, sich Mühe zu geben und am
Frühstück teilzunehmen, obwohl sie nicht die geringste Lust dazu
verspürt. Am späten Abend
setzt sie sich an den Schreibtisch und beginnt in ihr Tagebuch zu
schreiben: Lasse ich mich von
Silvio überfahren, oder soll ich vertrauensvoll seine Anweisungen
befolgen und davon ausgehen, dass er es gut meint? Unser Gespräch
endete mit meinem Versprechen, alle seine Aufgabenstellungen zu
akzeptieren und mein Angsttraining zu betreiben – wie ein
Langstreckenläufer sein Laufpensum! Ich bin in einem ekelhaften
Zwiespalt: Ich will mir nicht überall dreinreden lassen von den
Betreuern, die kaum älter sind als ich. Zugleich brauche ich aber
Hilfe, da ich mich momentan wirklich unfähig fühle, mein Leben zu
gestalten! Für die Betreuer wird es wohl auch schwierig sein:
Einerseits sollen sie uns als mündig ansehen, anderseits erziehen,
beschützen …
Machtkämpfe
Mich
von meinem psychisch und
physisch ungesunden, lebensfeindlichen Tun wegzubringen war bestimmt
eine Gratwanderung, die sowohl von den Berreuungspersonen als auch von
mir viel verlangte. Ich sollte einen neuen Umgang mit mir selbst
lernen, musste dabei auch "mit sanfter Gewalt" unter Druck gesetzt
werden, wollte doch aber zugleich meine Eigenständigkeit behalten
können. Ich hatte meine eigenen Vorstellungen von einer gesunden
Ernährung, von "Angsttraining" oder von der Notwendigkeit und
Häufigkeit von sozialen Kontakten. Schließlich wusste auch nur ich
allein, wie belastend eine Übung für mich war und wo meine persönliche
Grenze zwischen Forderung und Überforderung lag. Oft konnte
ich eine Konfliktsituation auch nicht anders denn als Machtspiel der
Betreuenden auffassen, was ich, um ehrlich zu sein, auch heute noch so
sehe:
«Das Ergebnis deiner
letzten Blutuntersuchung?» Silvio nimmt
einen Schluck von seinem Morgenkaffee und wendet sich dann mit
gleichgültigem Gesicht wieder seinem Stapel Patientenkarten zu. «Ist
alles im grünen Bereich», sagt er. «Ah,
gut – dann würde ich mir gerne eine Kopie davon machen», sagt Mara. «Ich
sagte: Es ist alles im grünen Bereich.» «Ehm,
ich denke, ich darf das Blatt schon kopieren?» «Nein.»
Mara sieht Silvio verdutzt an, dann
fixiert sie das Papier mit ihren Laborwerten, das vor ihm liegt. «Ich
hätte nur gern die Ergebnisse bei mir, damit ich sie später vergleichen
kann –» «Kümmere du dich um die
wirklich wichtigen Dinge. Dies hier sind nur tote Zahlen. Du befasst
dich sowieso zu viel mit solchen Sachen.» «Wie
kommst du denn darauf? Es sind doch Zahlen, die mich betreffen! Auch
Ärzte händigen einem doch Kopien von Laborergebnissen aus?» «Was
du nicht sagst?!» Ungläubig starrt Mara
in sein Gesicht. So ein Wichtigtuer! Trotzdem bemüht sie sich um einen
harmlosen Tonfall und sagt: «Ich interessiere mich außerdem sehr für
Medizin, ich kann daher auch mit den Fachausdrücken etwas anfangen.» «Bestimmt.
Sag ich ja. Du interessierst dich mehr für die trockene, tote Materie
als fürs Lebendige.» Silvios rechter
Mundwinkel lächelt. «Hat was, hm?» Mara
wendet sich ab. Dann sagt sie: «Ich glaube, du willst mich nur
provozieren –» Sie hält inne und
schielt vorsichtig zu ihm hin. Doch
Silvio grinst nur breit. Dann bemüht er sich wieder um ein ernstes
Gesicht. «Finde ich gut, Mara, toll.
Zeig mir deine Wut, mach sie spürbar, die ist vollkommen in Ordnung. Du
darfst auf mich wütend sein!» Mara
stößt die Luft durch die Nase. Zu liebenswürdig, Silvio!, hätte sie am
liebsten gerufen. Er lässt meine Wut einfach an sich abprallen, redet
genau wie Jolanda in der letzten Kleingruppe! «Ich
mag mich nur nicht streiten, wenn es nicht unbedingt sein muss, das ist
alles!», sagt sie. «Und die Liste liegt doch bei dir auf dem Tisch
bereit. Ich möchte sie ja nur für mich kopieren!» Silvios
Grinsen wird noch breiter. Unbeirrt sieht er ihr in die Augen. «Ich
habe es dir gesagt, Mara: Es muss dir jetzt einfach reichen, dass die
Werte soweit okay sind. Aber wir können gerne noch eine halbe Stunde
darüber diskutieren, wenn du darauf bestehst.» Mara
atmet tief durch. Seine Unberührtheit ist demütigend, seine Stimme
geradezu militant ruhig! «Warum tust du
das?», fragt sie, und dann rutscht ihr heraus, was sie die ganze Zeit
sagen wollte: «Du willst mich doch einfach nur schikanieren! Nichts
anderes!» Silvios Gesichtsausdruck
verfinstert sich. «Und du willst jetzt
einfach irgendetwas durchboxen, was?», ruft er plötzlich, als wäre
jetzt sein Damm der Beherrschung doch noch gebrochen. «Diese
Hartnäckigkeit nervt! Deine ewigen Argumente, die du immer aus der
Tasche ziehen kannst! Sei du lieber in anderen Dingen hartnäckig! –
Melde dich doch zur Sprechstunde bei Frau Gaillard an, und verlang
deine Laborwerte dort! Vielleicht hast du bei ihr mehr Glück!» Erschrocken
sieht Mara ihn an. Jetzt bloß nicht anfangen zu weinen … Silvio
macht eine energische Handbewegung. «So,
Schluss jetzt! Überleg dir, was du machen willst! Du weißt, ich bin ab
übermorgen eine Woche in Urlaub – vielleicht können wir danach wieder
wie normale Leute miteinander reden. Ich hab jetzt sowieso einen
Termin», sagt er und steht auf.
Mara lässt ihre
Zimmertür ins Schloss fallen und presst die Hände vor ihr Gesicht.
Nichts wie weg hier! Sie stellt sich
ans Fenster und beobachtet, wie Silvio mit eiligen Schritten von der
Klinik weggeht, seine modische Kuriertasche schräg umgehängt. Er
hat es geschafft, dass ich die Beherrschung verliere, aber genau das
wollte er wohl erreichen, denkt Mara bitter, dass ich kämpfe, dass ich
ungehalten werde! Aber wozu? Er nützt doch nur seine Macht aus! Fieberhaft
beginnt sie zu überlegen, wie sie den Austritt angehen soll. Die
Probezeit ist abgelaufen, das Abbrechen dadurch komplizierter. Sie
setzt sich auf den Boden und lehnt den Rücken an den Heizkörper. Tränen
rinnen über ihre Wangen. Vielleicht bin
ich einfach zu eigensinnig für dieses Therapiekonzept. Aber ohne meinen
Eigensinn wäre ich doch im Kern gestorben, nur eine manipulierbare
Hülle …
Und sehr oft war mir einfach
alles zu viel, ich spürte zu viel Kontrolle durch die Betreuer, hatte
zu viele Menschen um mich herum, zu wenig Ruhe. Als ich «aus
therapeutischen Gründen» sogar von meinem geliebten Einzelzimmer in ein
Doppelzimmerzu einer Mitparientin umziehen sollte, streikte ich – zum
Glück – erfolgreich ...
Gruppensitzung
Gegen
Ende des Aufenthalts
versank ich plötzlich wieder in Hoffnungslosigkeit, ich wollte mich
aufgeben. Ich fühlte mich auf diffuse Weise betrogen, war verunsichert
und orientierungslos, als wäre ich durch die Klinik auseinander
genommen und hinterher nicht wieder zusammengesetzt worden. Ich konnte
quasi weder vor noch zurück, zugleich lag der Austritt in
beunruhigender Nähe:
Draußen dunkelt es
bereits. Das dumpfe Brummen vom Feierabendverkehr dringt durch die
geschlossenen Fenster. Aus dem Erdgeschoss kündigen Küchengeräusche das
Abendessen an, der Duft nach frisch gebackenem Apfelkuchen weht durchs
Treppenhaus. Doch nur nebelhaft erreichen die Geräusche und Düfte Maras
Sinne. Sie ist gefangen in ihrer Welt,
auf ihrem fernen Planeten, unter ihren Füßen nur dünnes Eis, irgendeine
schwankende Plattform. Gedanken kreisen, kreisen allein um sie,
umschwirren sie in immer engeren Bahnen. Alles
nur Täuschung. Enttäuschung. Der Weg also doch nicht ans Licht führend,
ein einziger Irrweg. Bloß der Körper jetzt besser ernährt,
lebensfähiger, die Seele noch immer unterernährt, genauso verletzbar,
schutzlos, ängstlich wie vor der Klinik. Leben eine einzige
Überforderung. Jedes zusätzliche Kilogramm am Körper Erwartung
signalisierend und Druck, in allen Facetten leben, sich stellen zu
müssen, keine Entschuldigung zu haben, sich nicht entziehen, schonen,
aus allem raushalten zu können. Mit jedem zusätzlichen Kilo näher beim
Leben als beim Tod, immer längeres Warten bis zum Verhungertsein. Der
Abgrund nahe, ein Sumpf, wie mit einem Gürtel aus magischer
Anziehungskraft umgeben und trotzdem unerreichbar … Mara
holt Atem, dann sagt sie: «Die Sicherheit durch die Magersucht, der
Antrieb, alles, was sie mir gegeben hat, fehlt mir jetzt. – Ich fühle
mich auf eine Art verschaukelt. Natürlich nicht wirklich von euch, aber
– ihr habt mich zum Essen gebracht –, doch was bin ich denn jetzt
anderes, mit ein paar Kilogramm mehr auf der Waage? Wozu bin ich jetzt
auf der Welt?» Mara bemüht sich, ihre
Stimme nicht weinerlich, nicht anklagend klingen zu lassen. «Wie
soll ich mit meinen Ängsten leben? Was soll ich beruflich tun? – Ich
mache euch keine Vorwürfe, es war ja der Sinn, dass ich zunehme, ich
habe das ja irgendwo gewollt. Aber jetzt geht das für mich alles nicht
auf.» Lars sieht Mara noch immer
schweigend an. Was soll er darauf schon
sagen?!, denkt Mara und fixiert ihre Filzpantoffeln, die sie nie mehr
gegen Straßenschuhe austauschen möchte. Immer drinnen bleiben, nur auf
weichen, alle Schläge abfedernden Teppichen dahinschweben, kein
Asphalt, keine gefährlichen Wege mehr. Sie
will gerade ihre Worte und ihre ganze Geschichte mit einem Lächeln
wegwischen und von sich ablenken, als Lars ihr zuvorkommt. «Ich
kann verstehen, dass du nun eine gewisse Orientierungslosigkeit
erlebst. Aber versuch jetzt, all deine Gefühle anzunehmen! Wir sind für
dich da, und du bist ja noch drei Wochen hier. Du brauchst jetzt
einfach Geduld mit dir, bis der Inhalt, den dir das Hungern gegeben
hat, durch etwas Attraktiveres ersetzt worden ist. Du befindest dich in
einer Übergangsphase, Mara.» Übergangsphase?!,
möchte Mara sagen, Übergangsphase zu was denn? Sie
nickt und versucht, tapfer zu lächeln. Ihre Kehle ist wie zugeschnürt,
Tränen warten in ihren Augenwinkeln, doch sie mag nicht vor den anderen
weinen. Dann bemerkt sie, dass Elenas Blick auf ihr ruht, sieht ihr
flüchtig in die Augen, die so viel Mitgefühl ausdrücken, dass sie sich
für einen Moment daran festhalten kann. Birgit
räuspert sich und sagt vorsichtig: «Aber du bist doch immer noch
schlank?» Mara lächelt ihr zu, die
Bemerkung war ja gut gemeinte, verdankenswerte Aufmunterung. Doch bei
sich denkt sie: Was ist denn schlank?! Schlank klingt nach Ästhetik,
Gesundheit, mager tönt lebensferner, todesnäher. Währenddessen geht die
Gruppenstunde weiter, die anderen reden, erzählen von Plänen,
Versuchen, Fortschritten ...
Der
Abschied
… nur noch eine Woche
beschützt im Dornhof … Fluchtartig ruft sich Mara sämtliche Dinge in
Erinnerung, die sie im Dornhof belasten, ärgern, stören. Solange
ich Lischka habe, bin ich ja nicht allein, denkt sie weiter … noch ist
ja nicht mein Austrittstag … aber danach ist niemand da, der mitfühlt,
mitdenkt … warum nur hat Conny inzwischen ihren Philipp verlassen?! Ich
könnte in ein Zen-Kloster eintreten, mit Lischka …, oder ich ziehe
endlich aufs Land, in ein kleines Dorf, ein winziges Holzhaus mit
Gemüsegarten, nehme verstoßene Tiere auf, lese, schreibe, spinne Wolle,
male, töpfere, verkaufe die Sachen … Mara lässt den Kopf sinken und
presst die Hände vors Gesicht. Nichts würde ich wagen, gar nichts!
Nichts! Feigling …
Sehr gemischt und
angstvoll waren auch meine Gefühle einen Tag vor dem Austritt. Zum
letzten Mal führte ich mit meiner Bezugsperson ein Gespräch, in dem es
endgültig um die Rückkehr in den Alltag ging:
Mara
hat Silvio gar nicht durch den Flur kommen gehört und zuckt zusammen,
als er plötzlich hinter ihr steht. Er trägt ausnahmsweise Schuhe mit
dicker Gummisohle, die eher bequem als modisch aussehen und an seinen
Füßen einen fremden Anblick bieten.
Sie folgt ihm ins
Teamzimmer, setzt sich neben ihn aufs Sofa und legt unauffällig ihr
Abschiedsgeschenk auf den Boden. «Mh, kommt mir seltsam vor,
dass das unser letztes Gespräch sein soll», sagt sie harmlos. «Ja,
Mara, lass uns nun ein letztes Mal über deine Tagesstruktur nach dem
Dornhof reden. – Ich empfehle dir dringend, Kurse an der
Volkshochschule zu besuchen.» «Ja, kreative Kurse kann ich
mir gut vorstellen», sagt Mara eilig, «das interessiert mich sehr.» Und
da kann man jederzeit das Zimmer verlassen, denkt sie bei sich und
schreibt sich Silvios Anweisungen auf ihren Block. «Ach,
deine Mikroschrift, Mara!», lacht Silvio, dann wird er gleich wieder
ernst. «Eine andere Frage. Du hast letzte Woche zugenommen, das ist
erfreulich. Traust du dir auch zu, so weiterzumachen?» Mara
denkt an ihre ungeheuerlichen 55 Kilogramm und sagt: «Doch, ich denke
schon.» «Na ja?! – Und mach dir einen Tagesplan, notier
kon-se-quent, was du tun, was du essen wirst. Sonst schlitterst du
erneut in etwas Ungutes rein. Und bau dir neue Kontakte auf, oder lass
alte Freundschaften aufleben. Hast du hier nicht erfahren, dass
Beziehungen hilfreich sein können?» «Doch, bestimmt.»
Zögernd fügt Mara an: «Irgendwie muss ich da etwas ändern, sonst
fürchte ich, im Alleinsein zu versumpfen.» Sie lacht und
spürt, dass ihr Lachen unecht wirken muss. «Jetzt hast du
eben etwas Bemerkenswertes gesagt: Du fürchtest dich vor dem
Alleinsein!? Ja, Mara, verständlich, nachdem du hier so eingebettet
warst und ohne extra Bemühungen unter Leuten sein konntest. – Zu Beginn
hast du das wohl etwas anders gesehen.» Silvio lächelt viel sagend.
«Und sonst, Mara? Wie fühlst du dich, einen Tag vor dem Austritt?» Mara
zögert einen Moment, beginnt, das vertraut verdächtige Würgen im Hals
zu spüren. «Ich habe einfach Angst», sagt sie, «vor all den
Anforderungen. Vor den Menschen. Ich muss mich doch jetzt wieder
bewähren, mich der Umwelt aussetzen – kämpfen.» Lange und
nachdenklich sieht Silvio sie an. «Weißt du, du machst es
einem schon ganz schön schwer, dich einzuschätzen. Du kannst dich so
überzeugend ausdrücken, du wirkst besonnen, bist so intelligent, du
weißt oft genau, was du willst. Aber zugleich hast du etwas so
Kindliches, Verletzliches, Furchtsames. Das berührt mich sehr. Wenn ich
deinen Intellekt sehe, werde ich härter, fordernder. Doch wenn ich dich
jeweils wie jetzt erlebe, ängstlich, fragend, zweifelnd, etwas
verloren, sehe ich dich ganz anders. Es ist schwierig, diese zwei
Seiten zusammenzubringen. Du hast deine Not auch selten wirklich
ausgedrückt, wenigstens mir gegenüber.» Silvio hält kurz inne.
«Trotzdem hilft es dir nicht, wenn ich dich hätschle, das Leben ist
nicht so sanft. Du musst selbst für deine Interessen kämpfen!» Er
sieht ihr in die Augen, bis sie seinem Blick ausweicht und die
Dienstpläne an der Wand betrachtet. «Ich fühle mich nur noch nicht
wirklich bereit dazu», sagt sie nach einer Weile. Silvio
zieht die Augenbrauen hoch. «Und wann bist du bereit? Das
ist ein gefährlicher Gedanke, Mara, da schlitterst du immer tiefer
hinein, bis du gar nichts mehr wagst!» Mara nickt langsam
und sagt: «Ich traue mir heute schon einiges nicht mehr zu, was ich
früher noch gewagt habe.» «Ja, deine Ängste, deine Panik
kannst du nur überwinden, indem du dich stellst!» «Ich
trainiere ja ständig, aber zuletzt werde ich immer wieder von der Angst
eingeholt! Was mir am einen Tag wenig ausmacht, versetzt mich am
nächsten in Panik. Ich beginne dauernd von vorn, sogar eine Stufe
weiter unten. Das braucht so viel Kraft und Durchhaltewillen!» Silvio
sieht einen Moment lang ratlos aus, dann findet er zu seiner gewohnten
Entschlossenheit zurück und sagt: «Trotzdem gibt es nichts anderes!
Bleib dran!» Er klingt ungeduldig, doch Mara erkennt, dass
ihn nicht Ungeduld antreibt, sondern sein Wunsch, zu helfen. Das
Gespräch dauert eine Stunde. Am Ende greift Mara neben sich und reicht
ihm ihr Geschenkpaket hin. «Für dich. Zum Abschied», sagt
sie etwas verlegen. «Oh? Sehr kunstvoll verpackt!», sagt
Silvio, löst die Umwicklung aus Bast, faltet das handgeschöpfte Papier
auseinander, dann erblickt er die Packung farbiger Teigwaren in
Sternformen und das Glas Oliven und strahlt Mara so an, dass sie sich
ganz gerührt fühlt. «Die sind schön! Die werde ich mir fürs
nächste Festessen aufsparen und dann an dich denken! Ich mag doch
Teigwaren so!» Mit einem Augenzwinkern ergänzt er: «Besonders al Pesto,
mit viel fettem Olivenöl!» Mara lacht und erklärt: «Ich habe
mir überlegt, du hast mich zum Essen gezwungen und mir dadurch geholfen
– also sollst du von mir auch etwas Essbares erhalten!» «Schön!
Mara – ich fand es interessant mit dir. Auch wenn es manchmal hart auf
hart ging und wir uns nicht immer verstanden haben. Aber ich schätzte
deine Ehrlichkeit, die anregenden Gespräche mit dir und deine
Bereitschaft, genau hinzusehen.» Er steht auf, schüttelt ihr
lange die Hand, dann verabschiedet er sich und begleitet sie aus dem
Teamzimmer.
Mara geht durch den Flur und fühlt
sich plötzlich wie im luftleeren Raum. In ihrem Zimmer nimmt
sie eilig alle an die Wand gepinnten Merkzettel, Therapiepläne, Termine
für schriftliche Aufgaben oder Arztbesuche ab und steckt sie in ihr
blaues Mäppchen in der Reisetasche. Heute Abend nur noch der
Gruppenabschied, dann ist hier alles vorbei …
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